BG BAU Berufsgenossenschaft der Bauwirtschaft

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1 Rahmen der Risikoquantifizierung

1.1 Vorbemerkung: Prinzipien der Risikoquantifizierung bei begrenzter Datenbasis

Der vorliegende Leitfaden soll die Voraussetzungen schaffen, um Expositions-Risiko-Beziehungen für krebserzeugende Stoffe nach harmonisierten Regeln zu beschreiben, und dabei die Option einschließen, Bezugswerte bei definiertem Risiko oder Arbeitsplatzgrenzwerte für diese Stoffe zu begründen. Dazu werden Kriterien aufgestellt, um die Eignung vorliegender Daten zu einem Stoff zu bewerten, und Vorgehensweisen empfohlen, aus diesen Daten bestmögliche Expositions-Risiko-Beziehungen zu ermitteln. Der Leitfaden stellt eine Aktualisierung eines im Ausschuss für Gefahrstoffe konsentierten, bereits publizierten und in der Bewertungspraxis genutzten Konzepts dar (AGS, 2008).

Der Schutz von Beschäftigten am Arbeitsplatz gegenüber krebserzeugenden Chemikalien (Kanzerogenen, Karzinogenen) wird insbesondere durch die EU-Richtlinie 2004/37/EG (Krebsrichtlinie) und durch die Gefahrstoffverordnung (GefStoffV) geregelt. Im Sinne der Krebsrichtlinie bezeichnet "Karzinogen" einen Stoff, der die in Anhang I der Verordnung (EG) Nr. 1272/2008 genannten Kriterien für die Einstufung als krebserzeugender Stoff der Kategorie 1A oder 1B erfüllt. Krebserzeugende ("karzinogene") Stoffe der Kategorien 1A und 1B sind sowohl im Sinne der Krebsrichtlinie als auch nach der GefStoffV3 im Risikomanagement gleich zu behandeln. Es ist gemäß diesen Bestimmungen also unerheblich, ob ein Stoff aufgrund epidemiologischer Erkenntnisse (Kategorie 1A) oder aufgrund von Tierversuchen (Kategorie 1B) als krebserzeugend erkannt und eingestuft wurde. Da ein Krebsleiden als eine besonders gravierende Erkrankung anzusehen ist und da die Krebsrichtlinie davon ausgeht, dass ein Expositionsniveau, unterhalb dessen eine Gefährdung der Gesundheit nicht mehr gegeben ist, nicht festgelegt werden kann, sehen die rechtlichen Bestimmungen besonders weitgehende Schutzmaßnahmen gegenüber diesen Stoffen vor.

Wegen ihres unmittelbaren Bezugs zum Menschen sollen primär Daten aus Studien am Menschen zur Beschreibung von Expositions-Risiko-Beziehungen herangezogen werden. Allerdings sollte die Existenz solcher Daten insbesondere auch im Hinblick auf kanzerogene Wirkungen eine Ausnahme darstellen, da sie gleichzeitig einen unzureichenden (Arbeits-) Schutz dokumentieren. Bei vorhandenen Daten bestehen in der Epidemiologie vor allem bei älteren Studien Unsicherheiten bei der Abschätzung der Exposition, da in der Regel Messwerte für historische Belastungen fehlen und personenbezogene Expositions-Abschätzungen systematisch verzerrt sein können. Darüber hinaus ist bei epidemiologischen Beobachtungsstudien (nicht-interventionellen Studien) immer zu prüfen, ob der mögliche Einfluss von Störgrößen berücksichtigt wurde. Tierexperimentelle Daten können dagegen unter kontrollierten Bedingungen und gut definierten Expositionsbedingungen durchgeführt werden, allerdings mit dem Nachteil, dass Tierexperimente mit beschränkten Fallzahlen angelegt werden. Die daraus folgenden jeweiligen Einschränkungen in der Belastbarkeit der gefundenen Dosis-Wirkungs-Beziehung sollten entsprechend beachtet werden. Bei der Übertragung tierexperimenteller Befunde müssen außerdem die Speziesunterschiede in Hinblick auf Dosisäquivalente und Wirkungsmechanismen berücksichtigt werden.

Die Frage der Regulation für krebserzeugende Gefahrstoffe stellt sich jedoch unabhängig von der Eignung der Datenbasis. Das Risikomanagement muss dabei mit den vorhandenen, oft nicht ausreichend belastbaren Expositions-Risiko-Beziehungen einen Grenzwert festlegen. Daher sollten die Unsicherheiten für jede getroffene Entscheidung ermittelt und ausgewiesen werden. Selbst die Schlussfolgerung, dass die Datengrundlage nicht ausreicht, um eine quantitative Expositions-Risiko-Beziehung aufzustellen, ist möglich. Da zudem Kenntnisse über die Wirkmechanismen in die gewählte Expositionsmetrik und in die Bewertung der Form der beobachteten Expositions-Risiko-Beziehung einfließen können und bei der Risiko-Extrapolation berücksichtigt werden sollten, liegt im Ergebnis eine Reihe von Bewertungsmaßstäben mit unterschiedlicher Sicherheit vor.

In den Fachwissenschaften werden auch Mindestdosen als so genannte Wirkschwellen (oder auch "praktische" Wirkschwellen) für krebserzeugende Stoffe diskutiert, d. h. Expositionsbereiche, unterhalb derer – z. B. aufgrund der wirksamen biologischen Schutz- und Reparaturmechanismen – eine Gefährdung als unwahrscheinlich gilt. Dies ist jedoch umstritten. Außerdem sind der Beweis und die Ermittlung solcher Schwellen methodisch problematisch (Lutz, 2000; Neumann, 2006a; b; c). Nur bei hinreichender Absicherung, die über Plausibilitätsüberlegungen hinaus (z. B. über den angenommenen Wirkmechanismus) auch eine quantitative Eingrenzung beinhaltet, bei welcher Expositionshöhe diese Wirkschwellen anzusiedeln sind, sind solche Erkenntnisse derzeit regulatorisch umsetzbar. Der quantitativen Risikoabschätzung in Verbindung mit Konventionen über Risikoakzeptanz kommt daher besondere Bedeutung bei der Festlegung von Grenzwerten für krebserzeugende Stoffe zu. Unter dem "Risiko" ist dabei das über das Hintergrundrisiko hinausgehende absolute Lebenszeitrisiko bei einer bestimmten Exposition zu verstehen (genauere Definition: siehe Abschnitt 1.4 sowie Glossar).

Für das Verständnis von Risikobewertungen nach dem vorliegenden Leitfaden ist es wichtig, die Rahmenbedingungen und wissenschaftlichen Grenzen zu kennen, diese auszuweisen und die unter der gegebenen Datenlage getroffene Bewertung bis zur Schaffung einer besseren Datenlage zu akzeptieren. Während derzeit von wissenschaftlicher Seite weder ein "wahres" Risiko und daher auch kein "wahrer" Grenzwert ermittelt werden kann, muss das Risikomanagement die wissenschaftliche Bewertung als derzeit bestmögliche Ableitung und somit als "vermutlich wahr" annehmen, um handlungsfähig zu sein. Da Expositions-Risiko-Beziehungen und Grenzwerte als vorweggenommene Gutachten und im Sinne der Vorsorge abgeleitet werden, ist diese Annahme, nicht zuletzt auch rechtlich, möglich.

Der vorliegende Leitfaden befasst sich mit den wissenschaftlich-methodischen Konventionen, die zur Überbrückung der Kenntnislücken im Bereich akzeptabler und gefahrenrelevanter (noch vorübergehend tolerierbarer) Expositionen gegenüber krebserzeugenden Stoffen verwendet werden sollen. Die Abwägung wirtschaftlicher Interessen und des gesellschaftlichen Nutzens von Technologien gegenüber gesundheitlichen Risiken von Beschäftigten ist nicht Gegenstand dieses Leitfadens (z. B. keine Kosten-Nutzen-Überlegungen; vgl. hierzu Cherrie et al. (2011)). Differenzierungen verschiedener Tumortypen beispielweise nach Heilbarkeit oder Erkrankungsschwere (Ausmaß des Leids für den Betroffenen) werden nicht vorgenommen (vgl. hierzu Diskussion in Morfeld (2010) und Kalberlah et al. (2011)).

Es ist den Mitgliedern des AK Risikoableitung jedoch bewusst, dass bei der Auswahl von vielen Maßstäben (z. B. Adversitätsdefinition, zu Grunde gelegtes Vertrauensintervall, Einschluss oder Ausschluss von einzelnen Extrapolationsmodellen, Interpretation des Vorsorgebegriffs) implizit durch das Wissenschaftsverständnis Wertungen eingehen, die nicht alleine naturwissenschaftlich begründet sind.

1.2 Gültigkeit

(1) Die Regeln dieses Leitfadens beziehen sich ausschließlich auf eine Risikoquantifizierung für krebserzeugende Stoffe, die bei der Durchführung der Gefährdungsbeurteilung nach Gefahrstoffverordnung herangezogen werden soll. Sie sind speziell dann anzuwenden, wenn der anzunehmende Wirkmechanismus oder die Datenlage die Ableitung einer toxikologischen Wirkschwelle nicht zulässt und daher kein gesundheitsbasierter Arbeitsplatzgrenzwert (AGW) für krebserzeugende Stoffe nach § 2 Abs. 7 der GefStoffV aufgestellt werden kann.

Es werden jedoch auch Regeln für die Ableitung von Grenzwerten (AGW) bei "Schwellenwert-Kanzerogenen" bereitgestellt (vgl. Abschnitt 5.3).

(2) Für den vorgesehenen Zweck sollen mit Hilfe dieses Leitfadens Expositions-Risiko-Beziehungen nach einheitlicher und transparenter Methodik geschätzt werden. Dabei geht es insbesondere um die Extrapolation von Risiken in den Niedrigrisikobereich bei limitierter Datenlage. An der Höhe des so ermittelten Risikos können sich Maßnahmen des Risikomanagements nach BekGS 910 orientieren.

Das Ergebnis dieser Risikoquantifizierung beinhaltet nicht nur eine Punktschätzung des Risikos, sondern bildet auch die Expositions-Risiko-Beziehung über einen weiten Bereich ab. Damit kann der Leitfaden auch bei Anwendung eines Drei-Bereiche-"Ampelmodells" (zwei Zäsurpunkte, statt eines Grenzwertes)4 genutzt werden und die Expositions-Risiko-Beziehungen können die Aufstellung von "verfahrens- und stoffspezifischen Kriterien" (VSK) unterstützen, die nach § 20 Abs. 4 GefStoffV bekannt gegeben werden.

(3) Die Begründung der Höhe eines sozial- und gesundheitspolitisch als Gefahr bezeichneten Risikos und/oder "akzeptablen" Risikos ist nicht Gegenstand dieses Leitfadens. Diese Bezugswerte ("Toleranzrisiko", "Akzeptanzrisiko") werden jedoch genannt, um methodische Verknüpfungen im Rahmen des Leitfadens darstellen zu können.

Es ist somit nicht Gegenstand des Leitfadens zu beantworten, bei welcher Risikohöhe die "Akzeptanz-" oder "Toleranzkonzentration" für krebserzeugende Stoffe liegen soll. Es soll jedoch möglich sein, regulatorisch relevante Zäsurpunkte in die ermittelte Expositions-Risiko-Beziehung einzufügen (z. B. für Maßnahmenkonzepte, die an eine bestimmte Risikohöhe geknüpft sind). Zudem sind Vergleiche zwischen krebserzeugender und nicht krebserzeugender Wirkstärke durchzuführen und (über diesen Leitfaden) methodisch zu begleiten.

Alle Risikoermittlungen beziehen sich im Übrigen auf das Auftreten einer Krebserkrankung sowohl bei tierexperimentellen Studien, bei denen (neben gestorbenen) auch die erkrankten Tiere erfasst werden, als auch bei Humandaten, für die ebenfalls Inzidenzdaten von Krebserkrankungen gegenüber Mortalitätsdaten bevorzugt werden. Die Frage der Heilbarkeit von Tumorerkrankungen wird bei der Risikoermittlung und -bewertung bewusst nicht berücksichtigt.

(4) Die Methodik dieses Leitfadens ist nicht dafür vorgesehen, tatsächliche Häufigkeiten von Krebserkrankungen für eine reale Arbeitsplatzsituation vorherzusagen oder entsprechende Hochrechnungen auf Erkrankungshäufigkeiten in der exponierten Bevölkerung vorzunehmen.

Es soll ausdrücklich vermieden werden, dass die Risikoquantifizierungen missbräuchlich verwendet werden (z. B. um die Anzahl von expositionsbedingten Sterbefällen hochzurechnen). Die Expositions-Risiko-Modellierung, die Extrapolation auf niedrige Risiken und das unterstellte Expositionsszenario basiert auf bestimmten für eine harmonisierte Vorgehensweise in dem gegebenen Regulationsrahmen erforderlichen Konventionen, die jedoch nicht notwendigerweise für andere Zwecke adäquat sind. So müssen die nach diesem Leitfaden ermittelten Risikoquantifizierungen z. B. für die Berechnung eines Kompensationsanspruchs nach der Berufskrankheitenverordnung nicht geeignet sein.

Entsprechend können die in der BekGS 910 aufgeführten Konzentrationswerte (Akzeptanz- und Toleranzkonzentrationen) sowie die ihnen zugrunde liegenden ERB auch nicht Grundlage des Berufskrankheitenrechts sein und haben damit auch keine unmittelbare Bedeutung in entsprechenden Berufskrankheiten-Verfahren. Die den abgeleiteten ERB zugrunde liegenden wissenschaftlichen Erkenntnisse und die auf der Homepage der BAuA veröffentlichten Begründungen (Begründungen zu Expositions-Risiko-Beziehungen)5 können aber bei der Prüfung im Hinblick auf eine Einzelfallentscheidung eines Berufskrankheiten-Verfahrens herangezogen werden. Sie sind dann im Rahmen des geltenden Berufskrankheitenrechts hinsichtlich des Einzelfalls gesondert zu würdigen.

(5) Expositionsabschätzungen für einzelne Arbeitsplätze sind nicht Gegenstand dieses Leitfadens. Es wird ein Standardexpositionsszenario für einen Arbeitsplatz unterstellt ("nominelles Risiko"; vgl. Abschnitt 4.5).

(6) Substanzbezug: international bestehen verschiedene Herangehensweisen dazu, ob eine Risikoquantifizierung nur für einen getesteten Einzelstoff gelten soll oder zugleich für eine Substanzgruppe, bei der das gleiche Wirkprinzip angenommen werden kann (auch wenn die Substanzen dieser Gruppe nicht notwendigerweise alle getestet wurden). In diesem Leitfaden erfolgt hierzu keine Festlegung. Die Vorgehensweise ist jedoch in der Einzelfallbewertung anzusprechen und zu begründen und soll neben dem qualitativen Aspekt ("gleiches Wirkprinzip in einer Gruppe") auch den quantitativen Aspekt (Vergleich der Bioverfügbarkeiten und Wirkstärken innerhalb der Gruppe) beinhalten.

Offensichtliches Beispiel für diese Fragestellung ist die Möglichkeit, bei Metallen nur die definierte Einzelverbindung, die tatsächlich getestet wurde, zu bewerten oder aus einer Gruppenbetrachtung nur begründete Fälle auszunehmen, eine in Deutschland häufige Vorgehensweise (z. B. "Blei und anorganische Verbindungen mit Ausnahme von..."). Eine allgemeingültige Regel zur Vorgehensweise liegt bisher nicht vor. In der Regel bezieht sich eine ERB auf die entsprechend eingestufte Substanz nach CLP mit der dort erkennbaren Substanzidentifikation.

1.3 Bedeutung der Standardannahmen (Defaultannahmen)

(1) Die Vorgaben in der Methodik dieses Leitfadens besitzen häufig Defaultcharakter, d. h. sie sind als Standard (Default) heranzuziehen, wenn keine stoffspezifischen Informationen ein Abweichen vom Default rechtfertigen. Sollten jedoch stoffspezifisch solche qualifizierteren Daten vorliegen, kann begründet von Standardannahmen abgewichen werden. Die Begründung ist zu dokumentieren (vgl. Abschnitt 9).

Erkenntnisse von geringer Relevanz reichen nicht immer aus, um ein Abweichen vom Default zu rechtfertigen. Zusätzliche Erkenntnisse können auch missbräuchlich für eine Risikoquantifizierung nach abweichender Methodik herangezogen werden: der hier offen gehaltene Ermessensspielraum ("kann abgewichen werden") erlaubt auch die Beibehaltung des Default und wird durch die geforderte Begründung eingegrenzt.

(2) In der Regel werden Schätzungen mit der relativ höchsten Wahrscheinlichkeit (zum Beispiel: geometrischer Mittelwert, Maximum Likelihood-Schätzung) zur Bildung des Default herangezogen.

Es wird ausdrücklich darauf verzichtet, bei allen Parametern "(reasonable) worst case"-Annahmen vorzusehen. Bei der Auswahl handelt es sich um einen schwierigen Abwägungsprozess, der jedoch transparent darzustellen ist. Das hier gewählte differenzierte Vorgehen wird vor dem Hintergrund der relativen Unsicherheit bei den im Rahmen der Methodik vorzunehmenden Extrapolationsschritten gewählt, die derzeit mit keinem wissenschaftlichen Verfahren (z. B. einer Probabilitätsrechnung) vermindert werden kann. Kombinationen mehrerer "worst case"-Annahmen würden zu einer Risikoquantifizierung mit sehr konservativem Charakter führen. Das Ergebnis lässt sich nicht validieren und verliert sich mit der Zahl solcher Annahmen zunehmend im Spekulativen. Um die Begründungsdiskussion auf die eigentliche Risikoschätzung zu zentrieren statt auf die geeignete Bemessung des objektiv nicht näher eingrenzbaren Unsicherheitsbereichs, wird im vorliegenden Rahmen die oben angegebene Konvention gewählt.

(3) Die Bewertung der Daten zu Einzelstoffen und die sich daraus ergebenden Schlussfolgerungen (zum Beispiel zum anzunehmenden Wirkprinzip, Ausmaß der Abweichung vom Defaultwert im Einzelfall) sind nicht Gegenstand dieser Methodik.

Das stoffspezifische Vorgehen erfolgt – soweit es vom hier formulierten Defaultvorgehen abweicht – nach Maßstäben, die für den Einzelstoff zu begründen sind.

1.4 Definition und Einordnung der Risikokonzentration6

(1) Dieser Leitfaden befasst sich mit den Methoden der Berechnung einer Risikokonzentration. Die Risikokonzentration stellt einen unter bestimmten Annahmen und für die einleitend definierten Zwecke berechneten Konzentrationswert (Einheit: mg/m³, µg/m³ oder ng/m³) für das expositionsbedingte Lebenszeitrisiko im Szenario einer Exposition über das gesamte Arbeitsleben dar (definiertes Expositionsszenario; siehe Abschnitt 4.5). Das Lebenszeitrisiko gibt die Wahrscheinlichkeit an, im Laufe des Lebens an einer bestimmten Tumor- bzw. Krebsart zu erkranken, wenn die Sterblichkeit an anderen Ursachen ungefähr gleich ist wie in einer nicht-exponierten Population. Das zugehörige Risiko kann auch als (statistisch-mathematische) Schätzung des Exzess-Risikos bzw. als Additional Risk oder Extra Risk bezeichnet werden, da dabei die Hintergrundinzidenz entsprechend eingerechnet wird (s. Abschnitt 3.35 (3); 3.36; Glossar zu diesen Termini). Es werden üblicherweise mehrere Risikokonzentrationen für eine Substanz ausgewiesen, die jeweils unterschiedlich hohen Exzess-Risiken entsprechen.

Die Aussagekraft des aus den Daten eines Tierexperiments ermittelten Exzess-Risikos für ein Exzess-Risiko beim Menschen halten verschiedene Wissenschaftler für so gering, dass sie eine Risikoquantifizierung wegen zu großer Unsicherheiten auf dieser Basis ablehnen. Die Autoren dieses Leitfadens unterstützen für die Bewertung von Arbeitsplatzexpositionen gegenüber krebserzeugenden Stoffen mehrheitlich jedoch die Verwendung der Risikokonzentration mit der Zuordnung eines Exzess-Risikos, wobei ausdrücklich auf die Definition (expliziter Ausweis der Randbedingungen des berechneten Risikos und der Unsicherheit) und die Abgrenzung gegenüber einem tatsächlich beim Menschen beobachtbaren Risiko verwiesen wird.

Der Begriff Lebenszeitrisiko soll deutlich machen, dass die gesamte Zeitspanne bis ins hohe Alter betrachtet wird, wobei eine Verteilung der Lebenszeiten wie in einer Allgemeinbevölkerung oder in der Kontrollgruppe eines Kanzerogenitätsversuchs zugrunde gelegt wird (Becher und Steindorf, 1993). In der Praxis der quantitativen Risikoabschätzung bezieht sich die Ableitung des Risikos aber in der Regel auf ein ganz bestimmtes Alter, in Tierversuchen auf ungefähr zwei bis 2,5 Jahre, bei epidemiologischen Daten auf 70 bis 90 Jahre (z. B. 89 J.: Goldbohm et al. (2006); 85 J.: Attfield und Costello (2004); Rice et al. (2001); SCOEL (2003); Sorahan et al. (1998); Stayner et al. (1998; 2000); 80 J.: HEI-AR (1991); 75 J.: Stayner et al. (1995); Steenland et al. (2001)). Die statistische Lebenserwartung der heute 20jährigen Männer liegt bei 77 Jahren und die der Frauen entsprechend bei 82 Jahren (RKI, 2011). Nach der Sterbetafelmethode sollte das Krebsrisiko daher mindestens bis zum Alter von 80 Jahren berechnet werden.

Das Risikomanagement kann sich, zusätzlich zu den Risikokonzentrationen, auch auf das ALARA-Prinzip stützen (ALARA: "as low as reasonably achievable"). Das ALARA-Prinzip alleine wird als unzureichend eingeschätzt, um regulatorische Prioritäten zum Umgang mit krebserzeugenden Stoffen differenziert zu erarbeiten. Grundsätzlich kann das ALARA-Prinzip parallel verfolgt werden. Die Spezifizierung dieses Risikomanagement-Instruments ist aber nicht Gegenstand dieses Leitfadens.

(2) Statt durch Angabe einer "margin of exposure" (MoE; vgl. z. B. (ECHA, 2012b) werden im vorliegenden Konzept die in (1) definierten Risikokonzentrationen mit zugeordnetem Exzess-Risiko ausgewiesen; dies ermöglicht die Quantifizierung des nominellen Risikos für einen breiten Bereich einer Expositions-Risiko-Beziehung.

Das Vorgehen, statt einem MoE ein quantifiziertes Risiko auszuweisen, resultiert auch aus dem Wunsch, als Maßnahmenbasis und zum Vergleich mit einem AGW (nichtkanzerogene Effekte) regelmäßig ein (angenommen) gleiches nominelles Risiko als definiertes Schutzniveau zu Grunde legen zu wollen. Hierfür ist eine MoE nicht ausreichend.

In der Chemikalienbewertung mit MoE wird im abschließenden Schritt der Risikocharakterisierung eine Quantifizierung vorgenommen (es wird der Abstand zwischen einer Prävalenz – z. B. als Benchmarkdosis bei 10 % – und der Expositionshöhe berechnet) und bewertet, also als "ausreichend" oder "nicht ausreichend" interpretiert. Bisher fehlen Regeln, wie sich eine über das Wirkprinzip (der "mode of action") anzunehmende Nichtlinearität der Dosis-Risikobeziehung in dieser Risikocharakterisierung über das Abstandsmaß niederschlagen soll.

(3) Die Risikokonzentration als Bewertungskriterium unterscheidet sich im Verständnis von dem Konzept der "European Food Safety Authority" (EFSA). Nach dem EFSA-Konzept ergibt sich eine Punktschätzung (Angabe einer ausreichend sicheren Dosis oder Konzentration), während im vorliegenden Konzept die Expositions-Risiko-Beziehung mit Gültigkeit über einen Expositionsbereich definiert wird.

Während sich die Risikokonzentration am durchschnittlichen Risiko orientiert (empfindliche Personen sind implizit, jedoch bei abweichendem individuellen verbleibenden Risiko, geschützt, wenn das Risiko für durchschnittlich empfindliche Personen ausreichend gering ist), wird beim Konzept der EFSA versucht, den Schutz von empfindlichen Personengruppen durch Sicherheitsfaktoren explizit zu berücksichtigen. Bei ausreichender Höhe der Sicherheitsfaktoren wird - ähnlich dem Verständnis bei Annahme einer Wirkschwelle – kein noch verbleibendes Risiko ausgewiesen (vgl. EFSA, 2005), obwohl dieses noch vorliegen kann.

Bei den Leitfäden für die Erstellung eines "Stoffsicherheitsberichts" (CSR) im Rahmen der Chemikalienpolitik (REACH) wird bei der Ausweisung eines DMEL ("derived minimal effect level") entweder eine Risikokonzentration genannt (hier vorgesehenes Verfahren) oder alternativ die Herangehensweise nach EFSA (modifiziert) angewandt. Das EFSA-Verfahren ist ursprünglich für die Beschreibung eines erforderlichen Abstandes zwischen Prävalenz im experimentellen Szenario und Expositionshöhe nach oraler Aufnahme vorgesehen und nicht für den Arbeitsplatz bestimmt (andere Sicherheitsfaktoren), kann jedoch entsprechend angepasst werden. Für die Höhe der im modifizierten EFSA-Verfahren herangezogenen Sicherheitsfaktoren (Interspeziesvariabilität, Intraspeziesvariabilität, weitergehende individuelle Unterschiede in Krebsabwehrmechanismen) fehlen derzeit unterstützende statistische Daten oder Regeln. Verwendete Konventionen (z. B. 1 % Risiko für empfindliche Personen avisiert) wären gesellschaftlich zu konsentieren. Es wäre auch erforderlich, Maßstäbe zu erarbeiten, wie substanzspezifisch vom Default-Vorgehen abgewichen werden kann, wenn qualifiziertere Angaben vorliegen (Differenzierung im Vorgehen für verschiedene "modes of action"). Der nach dem modifizierten EFSA-Verfahren standardmäßig berechnete Wert (DMEL) kann jedoch mit einem Ergebnis identisch sein, das nach dem ERB-Konzept berechnet wurde. Für die Anwendung der Risikokonzentration und die Transformation in einen DMEL im Rahmen von REACH und/oder den ECHA-Leitlinien zu REACH fehlt derzeit der gesellschaftliche Konsens zu einer tolerablen und/oder akzeptablen (nominellen) Risikohöhe. Zur kritischen Bewertung des EFSA-Konzepts und der Maßstäbe für die DMEL-Ableitung vergleiche auch Püringer (2010; 2011).

1.5 Datenbasis

(1) Sofern Humandaten zur Risikoquantifizierung vorliegen, sind diese prioritär auf ihre Eignung zur Risikoquantifizierung zu prüfen und ggf. heranzuziehen, jedoch ist die Datenqualität (Erkrankungsdaten, Expositionsverlauf) zu berücksichtigen. Risikoquantifizierungen auf epidemiologischer Basis und auf tierexperimenteller Basis sind vergleichend gegenüber zu stellen (Plausibilitätskontrolle).

(2) Die Vorgehensweise nach diesem Leitfaden berücksichtigt, dass in der Mehrzahl der Fälle nur tierexperimentelle Daten als Basis der Risikoquantifizierung herangezogen werden können; entsprechend gelten die Festlegungen in diesem Leitfaden für tierexperimentelle Daten, jedoch werden Humandaten methodisch gleich behandelt, wenn keine anders lautende Vorgehensweise beim jeweiligen Quantifizierungsschritt angegeben ist.

(3) Nicht positive epidemiologische Studienergebnisse stellen in der Regel keinen Nachweis der Abwesenheit eines möglichen Risikos dar. Sie sind diesbezüglich mit der gebotenen Zurückhaltung und unter Berücksichtigung ihrer Eignung für die gegebene Fragestellung (statistische Power, Höhe der Exposition, Qualität der Expositionseinstufung) zu interpretieren.

Literatur: (Ahlbom et al., 1990; Wald und Doll, 1985)

Negative epidemiologische Daten können nur im Ausnahmefall zur Plausibilitätskontrolle eines positiven tierexperimentellen Befundes herangezogen werden, nämlich dann, wenn bei einer sehr umfangreichen Anzahl hochexponierter Personen die Abwesenheit entsprechender Tumoren dokumentiert ist. Zur Einordnung der Relevanz von Humandaten im Vergleich zum Tierexperiment vgl. auch Lavelle et al., (2012) und Goldbohm et al. (2006).

1.6 Datenqualität

(1) Bei gewährleisteter Mindestqualität (vgl. Abschnitt 8) können in der Regel Risikoquantifizierungen vorgenommen werden. Qualitätsmängel und die daraus resultierende Unsicherheit sind jedoch beim jeweiligen Schritt der Risikoquantifizierung zu dokumentieren.

Es können nicht immer Studien mit heute möglicher oder wünschenswerter Qualität als Grundlage für die Risikoquantifizierung vorausgesetzt werden. Zu Bewertungsunsicherheiten wegen solcher Qualitätsmängel der Datenbasis kommen durch das im Einzelfall vorhandene Evidenzniveau (das Zahl und Weite der Extrapolationsschritte bestimmt) bedingte Unsicherheiten hinzu, die inhärent im Prozess der Risikoquantifizierung bei unvollständigem Wissen enthalten sind. Datenabhängig ist der Grad der sich daraus ergebenden Gesamtunsicherheit fließend. Daher muss ein Kriterium dafür definiert werden, ab wann die Gesamtunsicherheit so groß ist, dass die resultierende Aussage als spekulativ und damit nicht mehr verwendbar anzusehen ist (vgl. Abschnitt 8). Der Umgang mit Unsicherheiten ist – darüber hinaus – bei dem jeweiligen Einzelschritt der Risikoquantifizierung und in Abschnitt 1.3 des Leitfadens festgelegt.

 

 


3 In der aktuellen Version der GefStoffV vom 26. November 2010 (BGBl. I S 1643), geändert durch Artikel 2 des Gesetzes vom 28. Juli 2011 (BGBl. I S 1622), werden noch die Kategorien nach Anhang IV der Richtlinie 67/548/EWG verwendet (Kategorie 1 für nachgewiesene Humankanzerogene, Kategorie 2 für tierexperimentell identifizierte Kanzerogene). Dies soll in einer Neufassung der GefStoffV voraussichtlich im Jahr 2015 angepasst werden.
4 Vgl. BAuA-Forschungsprojekt F2010, 2005.
5 http://www.baua.de/de/Themen-von-A-Z/Gefahrstoffe/TRGS/Begruendungen-910.html
6 In der Vorläuferversion dieses Leitfadens wurde unspezifischer der Begriff: "Krebsrisikozahl" statt "Risikokonzentration" verwendet.

 

 

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