BG BAU Berufsgenossenschaft der Bauwirtschaft

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Anlage 4 zu TRGS 600

Vorgehensweise bei der Erarbeitung von Substitutionsempfehlungen für Gefahrstoffe, Tätigkeiten oder Verfahren

Bei der Erarbeitung von Substitutionsempfehlungen sind die Inhalte dieser TRGS zu beachten. Diese Anlage enthält zusätzlich zu den konkreten Vorgehensweisen, die in den anderen Anlagen beschrieben wurden, grundsätzliche Gesichtspunkte und Hilfestellungen zum Auffinden von Wissensquellen für spezifische Substitutionslösungen für Gefahrstoffe.

1 Analyse der Substitutionsaufgabe

Es gibt drei unterschiedliche Typen von Substitution.

1.1 Ersatz

Im einfachsten Fall erfolgt Substitution als 1:1 Ersatz eines bereits verwendeten Stoffes durch einen anderen nicht oder weniger gefährlichen Stoff oder durch ein bekanntes Verfahren, in dem nicht oder weniger gefährliche Stoffe eingesetzt werden. Hier ist es oft lediglich erforderlich die betroffenen Betriebe zu informieren, damit bereits existierende Lösungen zur allgemein üblichen Praxis werden.

1.2 Anpassung

Im zweiten Fall ist ein 1:1 Ersatz nicht möglich, es liegen aber bereits Referenzprozesse und Anwendungsverfahrungen für die Substitutionslösung aus einzelnen Betrieben der Branche oder übertragbare Lösungen aus anderen Branchen vor. Die Substitution ist in diesen Fällen sowohl ein Informationsproblem als auch ein Akzeptanzproblem bei denjenigen Betrieben, die sich noch nicht hinreichend mit dieser Substitutionslösung auseinandergesetzt haben. Oft sind Anpassungsentwicklungen notwendig um Referenzprozesse erfolgreich auf die Mehrzahl der betroffenen Betriebe der Branche übertragen zu können. Dazu ist eine vertiefte technische Recherche nötig ebenso wie die Durchführung von Arbeiten zum Transfer von Technologien und Erkenntnissen. Substitution kann hier oft nicht kurzfristig, umfassend und abschließend erfolgen. Sie kann aber durch Teilaufgaben eingeleitet werden und meist in einem mittelfristigen Prozess (Orientierung 3 - 7 Jahre) abgeschlossen werden.

1.3 Forschung und Entwicklung

Der schwierigste Fall ergibt sich dann, wenn überhaupt keine Substitutionslösungen oder entsprechende Verfahren vorhanden sind. Dann sind mehr oder weniger grundlegende aufwendige Forschungs- und Entwicklungsarbeiten auf chemischem und technischem Gebiet notwendig. Allerdings können die Vorgehensweisen und Beurteilungskriterien, die in dieser TRGS und ihren Anlagen beschrieben werden auch bei der Bearbeitung von solchen grundlegenden Fragestellungen nutzbringend angewendet werden.

2 Problemdefinition - Abwägung von Chancen und Risiken von Substitutionsmöglichkeiten

(1) Eine wesentliche Voraussetzung für eine erfolgreiche Arbeit ist eine konkrete Aufgabenstellung. Wenn unterschiedliche Substitutionsmöglichkeiten vorliegen, müssen deren erkennbare Vorteile und Risiken systematisch und transparent gegeneinander abgewogen werden. Zusätzlich zur Anwendung der Kriterien aus Nummer 5 dieser TRGS ist es sinnvoll, weitere mögliche treibende und hemmende Einflüsse für oder gegen einzelne Lösungen zu identifizieren (z. B. Verbraucherakzeptanz, Normung, Patente). Unerlässlich ist in der Phase der Problemdefinition auch die Verständigung über die Bedeutung der in der weiteren Diskussion verwendeten Begriffe

(2) Der große Vorteil der Substitution liegt in der Möglichkeit, das Gesamtgefährdungspotenzial von chemischen Stoffen oder Verfahren grundlegend zu reduzieren. Dies kann gegebenenfalls den Aufwand zur Einhaltung einer Vielzahl gesetzlich vorgeschriebener und kostenaufwendiger Schutzmaßnahmen verringern, die ansonsten die Tätigkeiten mit gefährlichen Stoffen regeln.

(3) Risiken der Substitution können sich ergeben, wenn die möglichen Auswirkungen von Substitutionslösungen nicht ausreichend geprüft wurden. Dies gilt für die technischen Auswirkungen, die eine Substitution als Veränderung der stofflichen Grundlage eines Verfahrens immer auslösen kann oder für den Wechsel im Gefährdungsspektrum, die mit Substitutionslösungen verbunden sein können (z.B. Arbeitsschutz, Klimaschutz, Verbraucherschutz).

(4) Ein grundsätzliches Problem besteht darin, dass über den neuen Stoff bzw. das neue Verfahren typischerweise weniger Informationen zur Verfügung stehen als über die hergebrachte Lösung. Dies kann die Beurteilung der Gefährdung bei ggf. fehlenden Prüfdaten (dies wird durch REACH verbessert werden) betreffen und auch die Beurteilung der technischen Leistungsfähigkeit der Substitutionslösung in der Praxis. Während die Auswirkungen der meisten Arbeitsschutzmaßnahmen auf den Betrieb beschränkt bleiben, kann der Ersatz eines Stoffes Auswirkungen auf das gesamte Produkt bzw. die gesamte Wertschöpfungskette haben und sich somit auch auf Zulieferer oder Kunden auswirken.

(5) Hemmnisse in der Anfangsphase der Einführung von Substitutionslösungen können auch ein höherer Preis und der Aufwand für betriebliche Anpassungen sein. Die Betrachtung der mittelfristigen Gesamtkosten für das betroffene Produkt oder den betroffenen Prozess ist aber oft geeignet, dieses Problem zu relativieren.

3 Beteiligung von Fachleuten

(1) Für die Analyse und Bearbeitung unterschiedlicher Aspekte ist es gegebenenfalls nötig, Fachleute mit ausreichenden Kenntnissen zu unterschiedlichen Aspekten der Substitutionsprüfung und bei der Erarbeitung der Substitutionslösungen zu beteiligen. Relevante Qualifikationen sind zum Beispiel Kenntnisse über

  1. Gefährdung durch Stoffe - gesundheitliche, sicherheitstechnische und umweltbezogene Eigenschaften,
  2. Verfahrenstechnik und praktische Produktionserfahrung,
  3. Gefährdungsbeurteilung und Aufwand für Schutzmaßnahmen,
  4. Auswirkungen der Substitution auf die Wertschöpfungskette (z. B. Kundenakzeptanz) und
  5. Kenntnisse im Regelwerk.

(2) Zusätzlich sollten Informationen die in der gesamten Prozesskette (z.B. Hersteller von Maschinen, Abnehmer der Produkte, Vorlieferanten) vorhanden sind genutzt werden.

4 Ablauf bei der Erarbeitung von Substitutionsempfehlungen

(1) Eine Orientierung zum Ablauf der Projektschritte bei der Erarbeitung von Substitutionslösungen bietet Anlage 1 "Ablaufschema". Bewertungs- und Entscheidungshilfen zur Festlegung von Arbeitspaketen und zur Strukturierung der Diskussion enthalten die Anlagen 2 (Vergleichende Bewertung der gesundheitlichen und sicherheitstechnischen Gefährdungen) und 3 (Kriterien für die Realisierung der Substitution - Abwägungsgründe für den betrieblichen Einsatz von Ersatzlösungen und zur erweiterten Bewertung. Bei der Zielfindung sollten, so vorhanden, unterschiedliche Lösungsansätze ergebnisoffen nebeneinander diskutiert werden. Teilaufgaben, wie z. B. die gesundheitliche oder umweltbezogene Bewertung sollten frühzeitig identifiziert, mit Ressourcen hinterlegt und terminiert werden.

(2) Für die Erarbeitung von Substitutionslösungen ist es besonders wichtig, die Fachöffentlichkeit frühzeitig zu informieren, da von der bloßen Thematisierung der Fragestellung bereits Innovationsimpulse ausgehen können und sich in der Diskussion oftmals auch die Informationsbasis noch einmal verbreitert.

5 Hinweise auf Wissensquellen

Zusätzlich zur Beteiligung von Fachleuten sollte bei der Erarbeitung von Substitutionslösungen auch eine Recherche in allgemein zugänglichen Wissensquellen erfolgen. Beispiele für solche Wissensquellen sind im Folgenden enthalten. Sie stellen unterschiedliche Anforderungen an das Vorwissen des Nutzers, einige von ihnen sollten nur bei ausreichender fachlicher Qualifikation verwendet werden. Die folgende Sammlung ist nicht abschließend (Stand 1/2008).

5.1 Datenbanken zu Ersatzstoffen und Ersatzverfahren

  1. Gefahrstoffe im Griff http://www.gefahrstoffe-im-griff.de/8.htm Strukturiertes Portal mit Datenquellen zu allen Fragen des Gefahrstoffmanagements; empfehlenswerter Einstieg für die Recherche; spezifisches Fenster "Ersatzstoffe/Ersatzverfahren" vorhanden; verlinkt und beschreibt die meisten relevanten Datenbanken, enthält auch konkrete Ersatzempfehlungen
  2. Gisbau http://www.gisbau.de/giscodes/Liste/INDEX.HTM Einstieg über Produktgruppen für Bau- und Bau-Nebenprodukte; enthält spezifischen Abschnitt Ersatzstoffe-Ersatzprodukte-Ersatzverfahren
  3. BG-Druck und Papier http://www.bgdp.de/pages/service/download/arbeitssicherheit.htm jährlich aktualisierte Liste mit empfohlenen und zulässigen Wasch- und Reinigungsmitteln für den Offsetdruck und Liste der Druckbestäubungspuder
  4. Portal Bauteilreinigung www.bauteilreinigung.de/ Einstieg über Schlüsselwörter: Auflistung von Verfahren etc., hilfreich bei Substitution durch Verfahrensänderung (federführend: Fachgebiet Maschinenelemente, Uni Dortmund)
  5. Cleantool http://www.cleantool.org/de/teilereinigung_prozesse.php Einstieg nach den Kriterien Bauteil-Material, -Masse, -Abmessungen, -Geometrie, -Jahresdurchsatz, -Schmutzart und -Weiterbehandlung. Die Metallreinigungsprozesse können mit einem integrierten Beurteilungsinstrument miteinander verglichen werden.
  6. OEKOpro-Chemikaliendatenbank http://www.oekopro.de/search.php?l=DE Einstieg über Verwendungen möglich - man kann unterschiedliche Stoffe für einen Verwendungszweck finden, auch mit Angaben zu Branchen
  7. Kühlschmierstoff-Komponenten Online-Informationssystem http://www.fobig.de/arbeitsfelder/KSS.html Einstieg über Stoff; ein Arbeitskreis bestehend aus Vertretern des Verbraucherkreises Industrieschmierstoffe (VKIS), des Verbands Schmierstoffindustrie (VSI) und der IG Metall (IGM) hat die Entwicklung des Online-Informationssystems begleitet
  8. "CatSub" - Katalog mit Beispielen zur Substitution (in Dänisch) http://www.catsub.dk/ nach Branchen sortiert; mehr als 230 Beispiele durchgeführter Substitutionen, Mitfinanziert von European Agency of Occupational Safety and Health in Bilbao
  9. "Branchenregelungen" http://www.arbeitsschutz-center.net/branchenregelungen/brachenregelungen_nach_produkten/branchenregelungen-branchen_produkte.html Empfehlungen zu Gefahrstoffmanagement und guter Praxis, nach Branchen geordnet
  10. Hat-Map Information on Hazardous Chemicals and Occupational Diseases http://hazmap.nlm.nih.gov/ toxikologische Informationen, aber Einstieg über Stoffgruppen möglich, so dass man mögliche alternative Stoffe angeboten bekommt

5.2 Datenbanken mit Stoff-Informationen

  1. GESTIS - Stoffdatenbank http://biade.itrust.de/biade/lpext.dll?f=templates&fn= main-h.htm Einstieg über den Stoff; Stoffinformationen; Hinweise auf "gute Praxis, einige konkreten Hinweise auf Verwendungsbeschränkungen und Ersatzlösungen
  2. GSBL-Gemeinsamer Stoffdatenpool von Bund und Ländern http://www.gsbl.de/ Einstieg über den Stoff; Stoffinformationen in der Struktur des Sicherheitsdatenblattes; Hinweise auf Verwendungen, aber keine Hinweise auf Ersatzlösungen
  3. Stoffdatenbanken der Bundesrepublik Deutschland http://www.stoffdaten-deutschland.de/ Portal für Datenbanken; Einstieg über den Stoff; IGS-Publik enthält Stoffdaten, Verwendungen, Beschränkungen, aber keine konkreten Empfehlungen für Ersatzlösungen
  4. BG Chemie - GisChem Gefahrstoffinformationssystem http://www.gischem.de/ Einstieg über den Stoff oder einige Tätigkeiten, Produktgruppen, Branchen; Stoffinformationen; wenige Hinweise auf "gute Praxis, keine konkreten Hinweise auf Ersatzlösungen
  5. GDL - Gefahrstoffdatenbank der Länder http://www.gefahrstoff-info.de/ Einstieg über den Stoff; verlinkt auf GESTIS; Stoffinformationen; einige Handlungshilfen zur Hinweise auf "gute Praxis" auf http://lasi.osha.de/de/gfx/publications/lasi_publications.php keine konkreten Hinweise auf Ersatzlösungen
  6. euSDB Sicherheitsdatenblätter-Suche http://www.eusdb.de/ Einstieg über Produktname (exakt oder Wortteil), Stoff oder CAS: Die Datenbank enthält einen Suchindex zu ca. 190 000 Sicherheitsdatenblättern verschiedener Hersteller vorwiegend aus dem Bereich Laborchemikalien und -gase, eine gute Ergänzung für vertiefende Suche, bzw. bei fehlendem oder überaltertem SDB

5.3 Internationale Datenbanken (meist zur Wirkung von Stoffen)

  1. Chemicals | Human Health | Acute Exposure Guideline Levels (AEGLs) | OPPT | US EPA http://www.epa.gov/oppt/aegl/pubs/chemlist.htm Stoffinformationen; Einstieg über den Stoff
  2. ECB - ESIS (European chemical Substances Information System) http://ecb.jrc.it/ESIS/ Stoffinformationen; Einstieg über den Stoff; verschiedene Datenbanken zu Stoffeigenschaften und Vorkommen in Europäischen Regelwerken
  3. IPCS INCHEM http://www.inchem.org/ Stoffinformationen; Einstieg über den Stoff, bzw. CAS-Nummer: Schneller internationaler Zugang zu einer Bewertung weltweit allgemein genutzter Chemikalien, die auch als Umwelt- und Lebensmittelkontamination vorkommen können, als Hilfe bei Substitutionsentscheidung sehr hilfreich (Federführend ist das Canadian Centre for Occupational Health and Safety (CCOHS), engl. und franz.)
  4. Kemi PRIO http://www.kemi.se/templates/PRIOEngframes____4144.aspx Stoffeigenschaften; Listen unerwünschter Stoffe; Strategien zum Ersatz aber keine konkreten Empfehlungen
  5. http://toxnet.nlm.nih.gov/ Datenbankportal meist Toxikologische Informationen mit Einstieg über den Stoffnamen, aber auch einzelne Datenbanken zur Verwendung von Stoffen
  6. KEMI Riskline http://apps.kemi.se/riskline/index.htm Stoffinformationen; Einstieg über den Stoff; Only bibliographic database with exclusively peer reviewed information on environment and health
  7. TOXNET http://toxnet.nlm.nih.gov/ Databases on toxicology, hazardous chemicals, environmental health, and toxic releases (HSDB, Toxline u.a.) Stoffinformationen; Einstieg über den Stoff, bzw. CAS-Nummer: Schneller internationaler Zugang zu einer Bewertung weltweit allgemein genutzter Chemikalien, die auch als Umwelt- und Lebensmittelkontamination vorkommen können, als Hilfe bei Substitutionsentscheidung sehr hilfreich (Federführend ist die National Library of Medicine der USA, engl.)
  8. Pubmed http://www.ncbi.nlm.nih.gov/sites/entrez Service of the U.S. National Library of Medicine including over 17 million citations from MEDLINE and other life science journals for biomedical articles back to the 1950s.
  9. OECD HPV-Database http://cs3-hq.oecd.org/scripts/hpv/ DB tracks all High Production Volume chemicals through the process of investigation in the programme on the Investigation of Existing Chemicals).

 

Aufhebung der TRGS 440

Die TRGS 440 "Ermitteln und Beurteilen der Gefährdungen durch Gefahrstoffe am Arbeitsplatz: Ermitteln von Gefahrstoffen und Methoden zur Ersatzstoffprüfung", Ausgabe: März 2001 (BArbBl. Heft 3/2001 S. 105-11), zuletzt geändert GMBl. 2008, S. 210 (Nr. 11/12), wird aufgehoben.

 

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