BG BAU Berufsgenossenschaft der Bauwirtschaft

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4 Leitkriterien für die Vorauswahl aussichtsreicher Substitutionsmöglichkeiten

(1) Werden im Rahmen der Informationsermittlung mehrere Substitutionsmöglichkeiten ermittelt, sind Leitkriterien für die Vorauswahl aussichtsreicher Substitutionsmöglichkeiten sinnvoll, wenn nicht auf Musterlösungen nach Nummer 3 Abs. 2 Nr. 1 - 2 zurückgegriffen werden kann. Eine Vorauswahl ist insbesondere hilfreich, wenn bei mehreren gefundenen Möglichkeiten nicht alle mit gleicher Priorität gemäß Nummer 5.1 und 5.2 auf ihre technische und gesundheitliche Eignung geprüft werden können. Werden bei der Informationsermittlung nur wenige Substitutionsmöglichkeiten gefunden, kann die Vorauswahl auch übersprungen werden.

(2) Als Kriterien für eine Vorauswahl von Substitutionsmöglichkeiten sind sowohl die Gefährlichkeitsmerkmale wie auch das Freisetzungspotenzial auf Grundlage der physikalisch-chemischen Eigenschaften und der Verfahrens- und Verwendungsbedingungen zu berücksichtigen (Absatz 3-5). Bei der Entscheidung, welche Möglichkeiten weiter untersucht werden sollen, sind alle Kriterien in ihrer Gesamtheit zu betrachten und auch Überlegungen zur Gefährdung der Haut (Nummer 4 Abs. 6 ) einzubeziehen. Da die Kriterien der Vorauswahl für Fälle gedacht sind, in denen viele Möglichkeiten gesichtet werden müssen, sind die Kriterien nicht fein differenziert. Es ist durchaus denkbar, dass Möglichkeiten, die in der Vorauswahl zunächst nicht als aussichtsreich erschienen, im späteren Verlauf der Ersatzstoffprüfung wieder aufgegriffen werden.

(3) Die Gefährdung aufgrund der gesundheitsgefährlichen Eigenschaften des Stoffes lässt sich durch Substitution entlang der aufgeführten Reihenfolge in der jeweiligen Zeile reduzieren2):

  1. Stoffe mit niedrigem Arbeitsplatzgrenzwert (AGW) > Stoffe mit höherem Arbeitsplatzgrenzwert (bei vergleichbaren Stoffeigenschaften und Expositionen, bei Flüssigkeiten ist z. B. das Verhältnis von Arbeitsplatzgrenzwert zum Dampfdruck relevant),
  2. Systemische Wirkung: sehr giftig(T+) > giftig(T) > gesundheitsschädlich (Xn)> keines dieser Merkmale,
  3. Ätz-/Reizwirkung : Ätzend (C) > reizend (Xi)> keines dieser Merkmale,
  4. Krebserzeugend, erbgutverändernd, fortpflanzungsgefährdend (cmr) > nicht cmr.

(4) Die Gefährdung aufgrund der physikalisch-chemischen Eigenschaften des Stoffes lässt sich im Prinzip und im Rahmen der Vorauswahl durch Substitution entlang der aufgeführten Reihenfolge in der jeweiligen Zeile reduzieren:

  1. Hochentzündlich (F+) oder pyrophor (F,R17) > leicht entzündlich (F) > entzündlich (R 10) > keines dieser Merkmale,
  2. brandfördernd (O) > nicht brandfördernd,
  3. explosionsgefährlich (E) > nicht explosionsgefährlich.

(5) Das Freisetzungspotenzial eines Gefahrstoffs in die Luft am Arbeitsplatz kann im Allgemeinen durch Substitution entlang der aufgeführten Reihenfolge in der jeweiligen Zeile reduziert werden:

  1. große Menge > kleine Menge,
  2. Verfahren mit Benetzung großer Flächen > Verfahren mit Benetzung kleiner Flächen,
  3. Gas > Flüssigkeit > Paste,
  4. staubender Feststoff > nicht staubender Feststoff,
  5. sublimierender Feststoff > nicht sublimierender Feststoff,
  6. niedriger Siedepunkt (hoher Dampfdruck) > hoher Siedepunkt (niedriger Dampfdruck),
  7. offenes Verfahren > geschlossenes Verfahren,
  8. Verfahren bei hohen Temperaturen > Verfahren bei Raumtemperatur,
  9. Verfahren unter Druck > drucklose Verfahren,
  10. Verfahren unter Erzeugung von Aerosolen > aerosolfreie Verfahren,
  11. lösemittelhaltige Systeme > wässrige Systeme, etc.

(6) Hinsichtlich der Hautbelastung können die Kriterien zur Vorauswahl von Stoffen, Zubereitungen oder Arbeitsverfahren im Einzelfall von den vorher genannten Kriterien abweichen und müssen dementsprechend individuell überprüft und ggf. angepasst werden. Dies betrifft insbesondere die Kriterien für das Freisetzungspotenzial. Hier können Eigenschaften, die zu einer erhöhten Freisetzung in die Luft führen, für die dermale Belastung durchaus den gegenteiligen Effekt haben. So verbleiben beispielsweise Pasten länger auf der Haut als Flüssigkeiten oder Gase, ein hoher Dampfdruck verringert hingegen die Verweilzeit auf der Haut, höhere Temperaturen lassen Hautkontakt eher vermeiden als die Verwendung bei Raumtemperatur. Für einen Vergleich der Gefährdungen durch Hautkontakt sollen die Kriterien der TRGS 401 (insbesondere dort Nummer 3 und 4 ) herangezogen werden.

(7) Bei der Gesamtbetrachtung im Rahmen der Vorauswahl hat der Arbeitgeber alle Leitkriterien gegeneinander abzuwägen, um zu erkennen, mit welchen Stoffen und unter welchen Verfahrens- bzw. Verwendungsbedingungen insgesamt eine Beseitigung oder Minimierung der Gefährdung zu erwarten ist. So kann es z. B. im Einzelfall zu einer insgesamt geringeren gesundheitlichen Gefährdung führen, einen Stoff mit gefährlicheren Eigenschaften einzusetzen, der in einer nicht staubenden Form erhältlich ist oder der einen sehr geringen Dampfdruck besitzt, als einen Stoff mit weniger gefährlichen Eigenschaften, der aber nur in staubender Form am Markt verfügbar ist oder der einen beträchtlich höheren Dampfdruck besitzt.

(8) Emissionsarme Verwendungsformen (s. auch TRGS 500 ) können als weniger gefährliche Verfahren im Sinne des § 9 Abs.1 GefStoffV angesehen werden. Die Verwendung emissionsarmer Verwendungsformen sollte die Exposition in dem Maße herabsetzen, wie es durch technische, organisatorische oder persönliche Maßnahmen nach § 9 Abs. 2 oder geschlossene Systeme nach § 10 Abs.1 GefStoffV der Fall wäre.

2) In den folgenden Absätzen ist ">" zu lesen als "höhere Gefährdung zu erwarten als bei ... ".

 

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