BG BAU Berufsgenossenschaft der Bauwirtschaft

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4 Informationsbeschaffung und Gefährdungsbeurteilung

4.1 Allgemeines

(1) Bei Tätigkeiten im Anwendungsbereich dieser TRBA kommen Beschäftigte mit Materialien und Gegenständen in Kontakt, die biologische Arbeitsstoffe enthalten bzw. denen diese Stoffe anhaften. Dabei kann eine Vielzahl von Bakterien, Schimmelpilzen und Viren freigesetzt werden, ohne dass die Tätigkeiten auf diese ausgerichtet sind.

(2) Der Arbeitgeber hat entsprechend § 5 Arbeitsschutzgesetz in Verbindung mit § 4 BioStoffV eine Gefährdungsbeurteilung bei Tätigkeiten mit biologischen Arbeitsstoffen durchzuführen. Dazu hat er vor Aufnahme von Tätigkeiten ausreichende Informationen zu beschaffen, die eine Gefährdungsbeurteilung hinsichtlich biologischer Gefährdungen ermöglichen (§ 4 BioStoffV ).

(3) Die Einstufung eines biologischen Arbeitsstoffes in eine Risikogruppe entsprechend der BioStoffV gibt Informationen zum Infektionspotenzial. Verbindliche Einstufungen enthalten die TRBA 460 , 462 , 464 und 466 [3 ]. Die sensibilisierenden und toxischen Wirkungen biologischer Arbeitsstoffe müssen zusätzlich ermittelt werden. Hinweise auf atemwegssensibilisierende Eigenschaften finden sich in der TRBA/TRGS 406 [4 ].

(4) Der Arbeitgeber hat sich fachkundig beraten zu lassen, sofern er nicht selbst über die erforderlichen Kenntnisse verfügt. Für fachkundige Beratung stehen die Fachkraft für Arbeitssicherheit oder der Betriebsarzt zur Verfügung (siehe Nummer 7.1). Bei der Zusammenarbeit mehrerer Unternehmen sind diese zur Zusammenarbeit bei der Gefährdungsbeurteilung verpflichtet (§ 8 ArbSchG ).

(5) Bei der Gefährdungsbeurteilung sind auch Informationen über bekannte tätigkeitsbezogene Erkrankungen bei vergleichbaren Tätigkeiten zu berücksichtigen.

(6) Der Arbeitgeber hat die Gefährdungsbeurteilung vor Aufnahme der Tätigkeit durchzuführen und zu dokumentieren. Bei Änderungen der Arbeitsbedingungen, sowie beim Auftreten arbeitsbedingter Erkrankungen oder bei Erkenntnissen aus arbeitsmedizinischen Vorsorgeuntersuchungen ist die Gefährdungsbeurteilung zu aktualisieren (§ 4 BioStoffV ).

Eine allgemeine Anleitung zur Gefährdungsbeurteilung und für die Unterweisung der Beschäftigten gibt die TRBA 400 ) [3 ].

 

4.2 Gefährdungen durch biologische Arbeitsstoffe

(1) Insbesondere organische Abfälle, Abfälle mit organischen Bestandteilen bzw. Abfälle mit organischen Anhaftungen, sind Träger von biologischen Arbeitsstoffen.

(2) Die auftretenden biologischen Arbeitsstoffe sind im Einzelnen der Art, Menge und Zusammensetzung nach nicht bekannt. Bakterien und Schimmelpilze vermehren sich auf Grund der Umweltbedingungen bzw. prozessbedingt im Abfall. Die Konzentration und das Artenspektrum sind abhängig von der Art des Abfalls, vom Zustand des Materials, vom Arbeitsbereich bzw. vom Verfahrensschritt [5-11 ]. Es kommt zu einer mikrobiellen Mischexposition der Beschäftigten, wobei die Expositionsverhältnisse zeitlich und räumlich starken Schwankungen unterliegen.

(3) Die vorhandenen biologischen Arbeitsstoffe können bei den Beschäftigten Infektionen, Sensibilisierungen, toxische Reaktionen bis hin zu Erkrankungen hervorrufen.

(4) Eine Verbreitung der biologischen Arbeitsstoffe und eine Übertragung auf die Beschäftigten ist unter anderem möglich durch:

  1. Staub- und Aerosolbildung bei der Aufbereitung von Abfällen durch mechanische Verfahren,
  2. Tätigkeiten mit direktem Kontakt zu Abfall,
  3. Reinigungs- und Instandsetzungsarbeiten an Maschinen,
  4. verunreinigte Gegenstände, Materialien und Kleidung.

Für die Bewertung möglicher Gefährdungen sind die Aufnahme biologischer Arbeitsstoffe über den Atemtrakt, Hand-Mund-Kontakte, Haut-/Schleimhautkontakte sowie Schnitt- und Stichverletzungen relevant.

(5) Bei der Abfallbehandlung treten in der Regel biologische Arbeitsstoffe der Risikogruppen 1 und 2 auf [11 ]. In den zu behandelnden Abfällen können durch Störstoffe (z. B. Tierkadaver) oder durch Abfälle aus Krankenhäusern, Arztpraxen oder Haushaltungen mit Kranken bzw. Pflegebedürftigen auch infektiöse Materialien mit biologischen Arbeitsstoffen der Risikogruppe 3 vorhanden sein (z. B. durch benutzte Spritzen und Kanülen). Auch durch Nagetiere, Vögel oder andere Tiere und durch deren Exkremente können biologische Arbeitsstoffe der Risikogruppe 3 eingetragen werden [12 ]. Das Vorhandensein von biologischen Arbeitsstoffen der Risikogruppe 3 ist ein zeitweiliges Ereignis.

Das Infektionsrisiko wird bei Einhaltung der hier dargestellten Maßnahmen als gering eingeschätzt.

(6) Die möglichen sensibilisierenden oder toxischen Wirkungen von biologischen Arbeitsstoffen sind risikogruppenunabhängig. Einige Bakterien (z. B. Actinomyceten) besitzen ein sensibilisierendes Potenzial, welches insbesondere beim Einatmen zu einer Gefährdung führen kann. Nur von wenigen Pilzen sind bisher allergene Wirkungen eindeutig beschrieben worden. Längerfristiger, intensiver Kontakt mit luftgetragenen Schimmelpilzen in großer Dichte kann jedoch bei den exponierten Beschäftigten zur Herausbildung einer Überempfindlichkeit gegenüber Schimmelpilzen führen (Sensibilisierung, Allergisierung). Sensibilisierte Personen können bei Exposition schwerwiegende allergische Reaktionen erleiden, z. B. Schleimhautschwellungen oder Atemnotanfälle. Stäube, die Schimmelpilze und Actinomyceten enthalten, sind in der TRBA/TRGS 406 und den Begründungen dazu, als sensibilisierende Stoffe bewertet [4 ].

Für den Bereich der Abfallbehandlung sind mögliche Erkrankungen aufgrund der sensibilisierenden und toxischen Wirkungen biologischer Arbeitsstoffe von besonderer Bedeutung. Bedingt durch die individuelle Verfassung der Beschäftigten, die zusätzliche Exposition durch Staub und andere Schadstoffe lässt sich eine Erkrankung nicht einer bestimmten Konzentration an biologischen Arbeitsstoffen zuordnen.

Werden Tätigkeiten mit deutlich sichtbar verschimmelten Abfällen durchgeführt, können akute toxische Wirkungen durch die inhalative Aufnahme von Mykotoxinen oder anderen mikrobiellen Stoffwechselprodukten nicht ausgeschlossen werden.

(7) Eine schädigende Wirkung entfalten auch Zellwandbestandteile abgestorbener Mikroorganismen wie z. B. Endotoxine von gramnegativen Bakterien und Glucane von Schimmelpilzen [13 ]. Im Geltungsbereich dieser Technischen Regel wird das potenzielle Risiko durch luftgetragene Endotoxine bei Einhaltung der hier dargestellten Maßnahmen als gering eingeschätzt.

 

4.3 Gefährdungsbeurteilung

(1) Zur Beurteilung der Arbeitsplatzbedingungen sind im Rahmen der Gefährdungsbeurteilung neben den zu erwartenden biologischen Arbeitsstoffen auch

  • die mit ihnen verbundenen Übertragungswege und Aufnahmepforten (z. B. über die Atmung),
  • die Art und die Dauer der Tätigkeiten,
  • anlagenspezifische Faktoren (z. B. geschlossene Anlieferungshalle, Kompostierplatz, Schredderanlagen, mobile Anlagen, Fördereinrichtungen, geschlossene Anlieferung flüssigen Materials durch Schlauchverbindungen),
  • Maschinen- und fahrzeugspezifische Faktoren (z. B. Abdichtung, Fahrerhaus, Kabine),
  • andere spezifische, das Gefährdungspotenzial beeinflussende Einwirkungen (z. B. definiertes Eingangsmaterial, Störstoffe, Liefermengen, spitze und scharfe Gegenstände im Abfall, Windverhältnisse) sowie
  • tätigkeitsbezogene Faktoren (z. B. wechselnde Tätigkeiten, kurzzeitige Tätigkeiten, Sichtkontrolle)

zu bewerten.

Wartungs- und Reinigungsarbeiten sind in die Gefährdungsbeurteilung einzubeziehen.

(2) Auf Grundlage der Bewertung der tätigkeitsbezogenen Gefährdungen sind die erforderlichen Schutzmaßnahmen festzulegen. Die mit der Abfallbehandlung verbundenen Tätigkeiten stellen nicht gezielte Tätigkeiten im Sinne der BioStoffV dar (§ 2 Abs. 8 BioStoffV ). Mit der Durchführung der Maßnahmen nach dieser TRBA kann der Arbeitgeber davon ausgehen, dass er die Anforderungen der BioStoffV erfüllt. Die Maßnahmen dieser TRBA berücksichtigen insbesondere auch die sensibilisierenden oder toxischen Wirkungen biologischer Arbeitsstoffe.

 

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