BG BAU Berufsgenossenschaft der Bauwirtschaft

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4. Kriterien für die Veranlassung von Pflichtvorsorge

Mithilfe der in 4.1 bis 4.4 beschriebenen Prüfungsabfolge sollen die betrieblich Verantwortlichen in die Lage versetzt werden, praxisnah und möglichst ohne Inanspruchnahme externer Fachleute oder messtechnischer Dienste die Gefährdungsbeurteilung hinsichtlich extremer Hitzebelastung, die zu einer besonderen Gefährdung führen kann, am Arbeitsplatz durchzuführen und die Indikation zur Veranlassung von Pflichtvorsorge zu stellen.

4.1 Arbeitsverfahren/-bereiche, bei denen eine Belastung mit extremer Hitze vorliegt

(1) Tätigkeiten mit extremer Hitzebelastung, die zu einer besonderen Gefährdung führen kann, können bereits vorliegen, wenn schon bei körperlicher Ruhe in der kühlen Jahreszeit über einen Zeitraum von circa zwei bis drei Stunden pro Schicht die Regulation der Körpertemperatur über Schwitzen erfolgt [8 ]. Dies allein ist jedoch kein Kriterium für die Veranlassung von Pflichtvorsorge.

(2) Insbesondere bei folgenden Tätigkeiten liegt nach arbeitsmedizinischen und sicherheitstechnischen Erfahrungen eine extreme Hitzebelastung vor, die zu einer besonderen Gefährdung führen kann:

  • Arbeiten an vorgewärmten Pfannen (zum Beispiel Pfannenplatz, Pfannenkippstuhl) im Stahlwerk;
  • Flämmen von warmen Brammen (thermisches Entfernen von Oberflächenverunreinigungen);
  • Schweißarbeiten in und an größeren (Gewicht > 0,5 t) vorgewärmten (>80°C) Werkstücken;
  • Befahren oder Besteigen von sowie Arbeiten in Behältern, Kesseln, Industrieöfen, Trocknungsanlagen, die noch nicht vollständig abgekühlt sind, einschließlich Reaktoren in der chemischen Industrie (NET > 25°C);
  • Arbeiten auf der Ofendecke von Kokereien und Auswechseln von Steigrohren und Reparaturarbeiten an Koksofenbatterien;
  • Anodenwechsel an Elektrolyseöfen;
  • Arbeiten mit glühenden größeren Werkstücken (zum Beispiel Schmiede) >100 kg.

4.2 Anhaltspunkte zur Beurteilung weiterer Tätigkeiten

(1) Abgesehen von den unter Punkt 4.1 aufgeführten Tätigkeiten gibt es weitere Tätigkeiten mit extremer Hitzebelastung, die zu einer besonderen Gefährdung führen können. Um diese zu ermitteln, ist zu prüfen, ob mindestens einer der folgenden Parameter vorliegt:

  • Lufttemperatur über 45°C und Beschäftigungsdauer > 15 Min.;
  • Lufttemperatur über 30°C mindestens vier Stunden pro Schicht und gleichzeitig hohe Luftfeuchte (gekennzeichnet beispielsweise durch feuchte oder nasse Haut);
  • Flüssigkeitsaufnahme über vier Liter pro Schicht;
  • Wärmestrahlung im Gesicht unerträglich.

(2) Bei Vorliegen eines Parameters ist bereits bei leichter bis mittelschwerer Tätigkeit eine Pflichtvorsorge zu veranlassen.

4.3 Beurteilung über Klimasummenmaße

(1) Ist der zu begutachtende Arbeitsplatz nicht eindeutig einem der in 4.1 beschriebenen Arbeitsbereiche zuzuordnen oder herrschen abweichende Bedingungen von denen in 4.2 genannten vor, sind als Beurteilungskriterien die Normal-Effektivtemperatur oder die effektive Bestrahlungsstärke heranzuziehen.

(2) Extreme Hitzebelastung, die zu einer besonderen Gefährdung führen kann, liegt an Arbeitsplätzen ohne deutlichen Wärmestrahlungsanteil vor,

  • wenn eine Normal-Effektivtemperatur > 25°C während einer Einsatzzeit von ≥ 60 Min. erreicht oder überschritten wird,
  • wenn eine Normal-Effektivtemperatur von ≥ 30°C während einer Einsatzzeit von ≥ 15 Min. erreicht wird,
  • bei Tätigkeiten mit einem Arbeitsenergieumsatz > 300W, sobald eine Normal-Effektivtemperatur von 35°C überschritten wird.

(3) Extreme Hitzebelastung, die zu einer besonderen Gefährdung führen kann, liegt an Arbeitsplätzen mit deutlichem Wärmestrahlungsanteil vor,

  • wenn eine Normal-Effektivtemperatur > 23°C während einer Einsatzzeit =60 Min. erreicht oder überschritten wird,
  • wenn eine Normal-Effektivtemperatur ≥ 28°C während einer Einsatzzeit von ≥ 15 Min. erreicht wird,
  • bei Tätigkeiten mit einem Arbeitsenergieumsatz > 300W, wenn eine Normal-Effektivtemperatur von 33°C überschritten wird.

(4) Extreme Hitzebelastung, die zu einer besonderen Gefährdung führen kann, liegt unabhängig von der Normal-Effektivtemperatur auch an Arbeitsplätzen vor, an denen in Abhängigkeit von der Arbeitsschwere die in der nachfolgenden Tabelle genannten Bestrahlungsstärken erreicht werden:

Arbeitsenergieumsatz
AU [W]
Expositionszeit *
< 15Min.
Expositionszeit *
15 - 30 Min.
Expositionszeit *
31 - 60 Min.
Stufe 1: 100 W 1000 W/m² 500 W/m² 300 W/m²
Stufe 2: 200 W 750 W/m² 300 W/m² 200 W/m²
Stufe 3: 300 W 500 W/m² 200 W/m² 100 W/m²
Stufe 4: > 300 W 250 W/m² 100 W/m² 35W/m²
*ununterbrochene Expositionszeit

 

 

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