BG BAU Berufsgenossenschaft der Bauwirtschaft

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4 Welche Chemikalienschutzkleidung ist für den Arbeitsplatz geeignet?

4.1 Wer ist verantwortlich für Auswahl, Lagerung und Prüfung der Chemikalienschutzkleidung?

Verantwortlich für die Bereitstellung, Dekontamination/Desinfektion und Instandhaltung von CS-Kleidung ist der Arbeitgeber. Bei der Auswahl der CS-Kleidung muss er sich fachkundig beraten lassen, z.B. durch die Fachkraft für Arbeitssicherheit, den Betriebsarzt, usw. Fachkundige Beratung ist auch durch die zuständigen Unfallversicherungsträger möglich.

Damit eine ständige Verfügbarkeit von CS-Kleidung gegeben ist, sollte ein Mitarbeiter (vorzugsweise in der Materialbeschaffung) mit der Vorratshaltung beauftragt werden.

Wird CS-Kleidung gleichzeitig mit Atemschutz zusammen benutzt, sollte der für den Atemschutz zuständige Mitarbeiter auch die Prüfung der CS-Kleidung hinsichtlich der Einsetzbarkeit vornehmen, damit dieses in einer Hand liegt.

Jeder Träger von CS-Kleidung ist jedoch vor allem selbst für seine Schutzkleidung verantwortlich und muss die Persönliche Schutzausrüstung in ordnungsgemäßem Zustand halten, sowie ggf. austauschen. Dies ist z.B. dann der Fall, wenn der Träger der CS-Kleidung Risse oder Löcher in seiner Schutzkleidung bemerkt.

4.2 Wie wird auf Grundlage der Eigenschaften der Gefahrstoffe geeignete Chemikalienschutzkleidung ausgewählt?

Nach Ermittlung der vorliegenden Gefahrstoffe und/oder biologischen Arbeitsstoffe sowie den Gegebenheiten am Arbeitsplatz müssen die geeigneten Typen der Chemikalienschutzkleidung ausgewählt werden. Wird eine gleichzeitige Exposition zu mehreren Gefahrstoffen und/oder biologische Kontaminationen erwartet, z.B. bei der Sanierung von Altlasten oder Bauarbeiten auf Deponien, muss die CS-Kleidung vor allen diesen stofflichen Gefährdungen schützen.

Wichtig für die Auswahl ist das Wissen, in welchem Aggregatzustand (fest, flüssig, gasförmig) bzw. in welcher Erscheinungsform (Aerosol, massiver Feststoff, Flüssigkeitsspritzer, Oberflächenkontamination) der Gefahrstoff/biologische Arbeitsstoff vorliegt.

Feste Gefahrstoffe kommen meist als Partikel oder Fasern vor, wie Stäube, Künstliche Mineralfasern oder Asbest. Auch einige biologische Arbeitsstoffe kommen in Partikelform vor.

Flüssige Gefahrstoffe sind z.B. Säuren, Laugen, Lösemittel oder harzartige Komponenten von Klebstoffen. Hierzu gehören auch Reinigungs- oder Desinfektionsmittel, die in flüssigem Zustand ausgebracht werden müssen, z.B. bei der Desinfizierung oder Dekontamination der CS-Kleidung, bevor der Arbeitsbereich wieder verlassen wird. Flüssig gebundene biologische Arbeitsstoffe können z.B. in Abwässern vorliegen. Bei desinfizierenden Tätigkeiten zur Entfernung biologischer Arbeitsstoffe können diese anschließend auch in der Reinigungsflotte vorliegen.

Gasförmige Gefahrstoffe sind entweder Gase im eigentlichen Sinne1 oder Dämpfe von Stoffen, die unter Normalbedingungen als Flüssigkeiten oder Feststoffe auftreten, aber in Abhängigkeit von ihren physikalischen Eigenschaften („Flüchtigkeit“) je nach Umgebungstemperatur mehr oder weniger schnell verdunsten, d.h. in den gasförmigen Zustand übergehen. Dies sind z.B. leichtflüchtige Lösemittel aus Klebern oder Wirkstoffe aus Desinfektionsmitteln, die bei der Verarbeitung durch Verdunsten der Trägerflüssigkeit freigesetzt werden. Dämpfe können insbesondere dann entstehen, wenn Materialien oder Stoffe in heißem Zustand verarbeitet werden oder auf heiße Oberflächen treffen.


1 Gase sind Stoffe, die unter Normalbedingungen (20°C und 1013 mbar) schon gasförmig sind.

Aerosole sind Gemische aus festen (wie Staub) und/oder flüssigen Schwebeteilchen (wie Nebel) und einem Gas (Umgebungsluft). Sie entstehen beispielsweise wenn ein Lack im Spritzlackierverfahren oder wenn Oberflächenbehandlungsmittel in einem Sprühverfahren verarbeitet werden. Auch kann bei der Bearbeitung einer mit einem biologischen Arbeitsstoff kontaminierten Oberfläche (bei der trockenen Bearbeitung, im Sprüh- oder Spritzverfahren) dieser als Aerosol in die Umgebungsluft gelangen.

Ein weiteres Kriterium zur Auswahl der CS-Kleidung bzw. des notwendigen Leistungsvermögens ist die Art und der Umfang des Kontaktes zum Arbeitsstoff. Wenn im Rahmen der Gefährdungsbeurteilung festgestellt wird, dass in einem optimierten Arbeitsablauf sicher nur mit Flüssigkeitsspritzern und nicht mit Vollkontakt („Schwall“) zu rechnen ist, ist das Leistungsvermögen der CS-Kleidung auch darauf abzustimmen, denn Schutzkleidung sollte nicht belastender als notwendig sein.

Insgesamt sind zu beachten:

  • Arbeitsverfahren, Tätigkeit,
  • Art der Benetzung (Spritzer oder Vollkontakt),
  • Dauer und Intensität des möglichen Kontaktes,
  • Verwendete Chemikalie, Einzelstoffe oder Zubereitungen und deren Verarbeitungstemperatur,
  • Vorhandene biologische Arbeitsstoffe und Menge des Vorkommens,
  • Mechanische Beanspruchung der CS-Kleidung (Gegebenheiten am Arbeitsplatz, Raum, Einbauten, enge Räume, etc.),
  • Möglichkeiten zu Lagerung und Reinigung sowie zur Vermeidung der Alterung von Schutzkleidung durch falsche Lagerung,
  • Möglichkeiten zur Dekontamination der CS-Kleidung,
  • Entsorgung der CS-Kleidung nach der Tätigkeit.

Danach kann der grundsätzliche Typ der Chemikalienschutzkleidung bestimmt werden. Meist treten jedoch mehrere Gefährdungen auf, so dass die CS-Kleidung eine Kombination der Typen darstellen muss.

Praktische Beispiele für die Auswahl geeigneter CS-Kleidung entsprechend der Tätigkeiten und Gefährdungen sind in der folgenden Tabelle gegeben (Tabelle 3 ). Ergeben sich durch spezielle Arbeitsverfahren oder zusätzliche Belastungen weitere Gefährdungen, müssen die Anforderungen, die an die CS-Kleidung gestellt werden, angepasst werden.

Beispiel:
Bei Reinigungsarbeiten nach einer Brandschadensanierung ist noch mit verschiedenen Gefahrstoffen zu rechnen, so dass die CS-Kleidung mindestens Typ 5/6 entsprechen muss. Ist eine zusätzliche Gefährdung wegen der Entfernung von Tierkadavern gegeben, muss eine CS-Kleidung nach Typ 3 eingesetzt werden, deren Nähte abgeklebt sind und es müssen Festlegungen zur Dekontamination getroffen werden.
Tätigkeiten/Gefährdungen Anforderungen
Chemikalienschutzkleidung, mindestens Zusätzliche Anforderungen wenn diese Tätigkeiten/Faktoren auftreten
Fassadenreinigung/Quarz/Reinigungsmittel Typ 5, Chemikalienbeständigkeit beachten
  • bei Feuchtigkeitsstrahlarbeiten (Niederdruck) mind. Typ 4/5
Bodensanierung/Kohlenwasserstoffe, Mineralöle Typ 5/6, Chemikalienbeständigkeit beachten
  • bei Kontakt mit Flüssigphase Typ 4 besser Typ 3,
  • bei händischem Bodenaushub Typ 3
Reinigungsarbeiten nach Brandschadensanierung/verschiedenste Gefahrstoffe Typ 5/6, Chemikalienbeständigkeit beachten
  • bei Kontakt zu kontaminiertem Löschwasser mind. Typ 4
  • bei Tierkadaverbeseitigung Typ 3, abgeklebte Nähte und Festlegungen zur Dekontamination
Schimmelpilzsanierung Typ 5, Chemikalienbeständigkeit beachten
  • bei Kontakt mit Wasser, wasserdichte Schutzkleidung

Tabelle 3: Anforderungen an Chemikalienschutzkleidung je nach Gefährdung, Beispiele

Zusätzlich zu diesen CS-Kleidungs-Typen werden weitere Persönliche Schutzausrüstungen notwendig sein, z.B. Atemschutz, Fußschutz.

Abhängig von der auftretenden Konzentration des Gefahrstoffes/biologischen Arbeitsstoffes ist die notwendige Barriereleistung der CS-Kleidung festzulegen. Dies kann aus der Herstellerinformation entnommen werden oder in Absprache mit dem Hersteller erfolgen.

Muss die Chemikalienschutzkleidung in einem Bereich verwendet werden, in dem mit mechanischer Belastung zu rechnen ist, z.B. in einem engen Raum, muss die CS-Kleidung besondere Reißfestigkeit aufweisen.

4.3 Welche Größe ist die richtige?

Bei der Auswahl eines Schutzanzuges sollte die Größe immer anhand der Körpermaße und nicht entsprechend der normalen Konfektionsgröße ausgewählt werden. In der Herstellerinformation sind die Körpergröße und der Brustumfang angegeben.

Größe Körpergröße Brustumfang
S 162 – 170 cm 84 – 92 cm
M 168 – 176 cm 92 – 100 cm
L 174 – 182 cm 100 – 108 cm
XL 180 – 188 cm 108 – 116 cm
XXL 186 – 194 cm 116 – 124 cm
XXXL 192 – 200 cm 124 – 132 cm

Tabelle 4: Größen von Chemikalienschutzanzügen

4.4 Wie kann man die Chemikalienschutzkleidung mit Schutzhandschuhen sicher verbinden?

Wird CS-Kleidung eingesetzt, sind meist auch Chemikalienschutzhandschuhe zu tragen. Es gibt Hersteller von CS-Kleidung, die auf Wunsch der Anwender geeignete Schutzhandschuhe an die CS-Kleidung anschweißen können. Dies lohnt sich dann, wenn die Gefährdung sehr hoch ist und die CS-Kleidung zum mehrfachen Einsatz gedacht ist.

Besonders geeignet sind Adaptersysteme, mit denen man Schutzhandschuhe an den CS-Anzug anmontieren kann (siehe Abbildung 2 ).

Vorteilhaft ist, dass der Anzug im Weißbereich zusammengebaut und erst in der Schleuse als Ganzes angezogen wird. Auch beim Ablegen der Kleidung bietet diese Methode Vorteile, da man den Anzug komplett ausziehen kann, ohne gegenüber den Gefahrstoffen oder biologischen Arbeitsstoffen exponiert zu werden.

In der Praxis bedient man sich jedoch häufig einfacherer Methoden, wie z.B. dem Umkleben des Ärmelbündchens und des Handschuhs mit einem Klebeband. Diese Methode birgt die Gefahr, dass sich die Verbindung zwischen CS-Kleidung und Schutzhandschuh löst. Besonders beim Ausziehen der Schutzkleidung können Probleme auftreten, wie eine unbeabsichtigte Kontamination.

Beispiel für ein Adaptersystem

Abbildung 2: Beispiel für ein Adaptersystem

4.5 Wie lange kann Chemikalienschutzkleidung getragen werden?

Wie lange CS-Kleidung getragen werden kann, hängt zunächst davon ab, wie lange sie ihre Funktion erfüllt. Die CS-Kleidung muss ausgetauscht werden, sobald:

  • Löcher oder Risse festgestellt werden,
  • die Durchbruchzeit für die relevanten Gefahrstoffe nach Kontakt zu diesen erreicht ist,
  • weitere Gefährdungen erkannt werden, gegen die die ausgewählte CS-Kleidung keinen ausreichenden Schutz bietet.

Darüber hinaus gilt dann eine Tragezeitbegrenzung, wenn CS-Kleidung in Verbindung mit Atemschutz getragen wird. Die Tragezeitbegrenzung ergibt sich aus der tätigkeitsbezogenen Gefährdungsbeurteilung, bei der der Betriebsarzt eingebunden werden sollte. Hinweise zur Tragezeitbegrenzung sind in der Regel „Benutzung von Atemschutzgeräten“ (BGR/GUV-R 190) enthalten.

Die Tragezeit für CS-Kleidung wird weiterhin beeinflusst durch:

  • die körperlichen Belastungen, die sich durch die Schwere der Arbeit am Arbeitsplatz ergeben (schwere, mittlere, leichte Anstrengung),
  • die Belastungen durch klimatische Bedingungen wie Sonneneinstrahlung, hohe Luftfeuchtigkeit,
  • die Art der CS-Kleidung wie Teilkörperschutz (Schürzen, Überschuhe) oder Ganzkörperschutz (wie CS-Anzüge),
  • dem Typen der CS-Anzüge (je höher die Leistungsstufen), desto isolierender ist die CS-Kleidung und desto geringer wird der Wärmeaustausch mit der Umgebung).

Je nachdem, wie belastend diese Faktoren für den Körper sind, muss die Tragezeit zur Vermeidung übermäßiger Kreislaufbelastungen auch dann beschränkt werden, wenn zusätzlich zur CS-Kleidung kein Atemschutz getragen wird. Die körperliche Belastung kann auch durch den Einsatz von Kühlsystemen reduziert werden. Zur Festlegung der Tragezeiten bzw. tragefreie Zeiten kann die BGR/GUV-R 190 herangezogen werden, auf jeden Fall ist aber die Beratung des Betriebsarztes in Anspruch zu nehmen.

4.6 Was ist bei Chemikalienschutzkleidung gegen biologische Arbeitsstoffe insbesondere zu beachten?

Wurde ermittelt, dass im Arbeitsbereich mit biologischen Arbeitsstoffen zu rechnen ist, muss die CS-Kleidung hierauf abgestimmt werden.

CS-Anzüge, die nach der DIN EN 14 126 zertifiziert wurden, sind am Piktogramm für biologische Gefährdungen zu erkennen.

Die Leistungsstufen die das Anzugmaterial bei der Zertifizierung erreicht hat, sind in der Herstellerinformation angegeben. Je höher diese Stufe ist, desto „dichter“ ist der CS-Anzug.

Bei der Prüfung wird nur das Anzugmaterial und nicht der ganze Anzug geprüft. Es ist daher empfehlenswert Anzüge mit abgeklebten Nähten einzusetzen. Die abgeklebten Nähte verhindern ein Eindringen von gefährlichen Materialien über den Faden der Naht oder die Einstichlöcher an der Naht. Abgeklebte Nähte sind insbesondere dann eine nötige Voraussetzung, wenn die CS-Anzüge nach der Verwendung dekontaminiert werden müssen.

4.7 Wie muss Chemikalienschutzkleidung entsorgt und/oder dekontaminiert werden?

Wenn CS-Kleidung entsorgt wird, müssen die Herstellerinformationen und ggf. Umweltschutzvorschriften beachtet werden, da CS-Kleidung nach Kontakt mit Chemikalien oder biologischen Arbeitsstoffen evtl. als Sondermüll entsorgt werden muss.

Reinigen lohnt sich bei CS-Anzügen dann, wenn die CS-Anzüge für einen Mehrfacheinsatz geprüft und zugelassen sind. Die Reinigung und Lagerung hat dann entsprechend der Herstellerinformation zu erfolgen.
Ist die CS-Kleidung mit einem biologischen Arbeitsstoff kontaminiert, muss ggf. noch vor dem Ausziehen eine Dekontamination/Desinfektion nach den Herstellervorschriften und unter Verwendung der vorgegebenen Dekontaminations-/Desinfektionsmittel erfolgen.

Die Dekontamination soll eine Verbreitung von biologischen Arbeitsstoffen reduzieren und das Risiko für den Träger vermindern, sich noch beim Ablegen der Schutzkleidung zu infizieren oder zu sensibilisieren.

Einige Hersteller von CS-Anzügen bieten daher maßgeschneiderte Lösungen aus CS-Anzügen und geeigneten Dekontaminationsmitteln an. Bei der Planung ist daher auch daran zu denken, dieses geeignete Dekontaminationsmittel vorzuhalten.

 

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