BG BAU Berufsgenossenschaft der Bauwirtschaft

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3 Gesundheitsgefahren durch Asbest

3.1 Berufskrankheiten

Stoffe und Produkte mit hervorragenden technischen Eigenschaften können mitunter auch erhebliche Gesundheitsgefährdungen bedingen. Dies betrifft nicht zuletzt den Gefahrstoff Asbest. Eine Gesundheitsgefährdung ist gegeben, wenn beispielsweise Asbest bei mechanischer Beanspruchung zu lungengängigen Fasern zerrieben oder aufgespalten und in dieser Form eingeatmet wird. Als besonders kritische Faserabmessungen gelten Fasern mit einer Länge gleich oder größer 5 µm (1 µm = 1 tausendstel Millimeter), einem Durchmesser kleiner 3 µm und einem Verhältnis von Faserlänge zu Faserdurchmesser größer 3 : 1.

Erste gesicherte medizinische Zusammenhänge zwischen der Inhalation von Asbestfasern und möglichen Erkrankungen wurden erst zu Beginn des 20. Jahrhunderts festgestellt. Insbesondere Ärzte in England erkannten, dass es sich bei den Erkrankungen und Todesfällen im Bereich der industriellen Nutzung von Asbest um eine spezielle Lungenkrankheit handelte, die auf die Einatmung von Asbeststäuben zurückzuführen war. Zuvor waren die Erkrankungen der so genannten Schwindsucht zugeordnet worden.

Aufgrund der medizinischen Erkenntnisse wurden im Jahre 1936 die "Asbestose", 1943 die "Asbestose in Verbindung mit Lungenkrebs" und 1977 das "Mesotheliom des Rippen- und Bauchfells" als Berufskrankheit anerkannt.

Bis Ende 1991 konnte ein Lungenkrebs (BK 4104) als Berufskrankheit nur entschädigt werden, wenn gleichzeitig als Brückenbefund eine Asbestose und/oder eine Erkrankung der Pleura (Rippen- und Bauchfell) diagnostiziert wurde. Fehlen diese Begleitsymptome, kann seit 1992 auch beim Nachweis einer hohen Asbestfaserstaubbelastung eine Anerkennung als Berufskrankheit erfolgen. Es muss eine kumulative (angehäufte) Asbestfaserstaubdosis am Arbeitsplatz von mindestens 25 Faserjahren vorgelegen haben.

Seit 1997 kann beim Vorliegen der genannten Brückensymptome auch asbeststaubverursachter Kehlkopfkrebs als Berufskrankheit entschädigt werden. Asbesterkrankungen sind so genannte Langzeiterkrankungen. Die Latenzzeit (Zeitraum vom Beginn der Einwirkung bis zur Erkrankung) kann Jahrzehnte betragen.

Die gesicherten wissenschaftlichen Erkenntnisse zeigen, dass für Asbest zwei biologische Wirkungen zu unterscheiden sind:

  • die Erzeugung von Narbengewebe (fibrogener Effekt),
  • die Krebserzeugung (karzinogener Effekt).

Dabei kann es auch zu einer Kombination beider Effekte kommen.

Wesentliche Vorraussetzung für die Anerkennung einer Krankheit als Berufskrankheit ist, dass ein relevanter Zusammenhang mit der beruflichen Tätigkeit vorliegt oder vorgelegen hat. Hat ein Arzt den begründeten Verdacht, dass bei einem Versicherten eine Berufskrankheit besteht, so hat er dies der zuständigen Berufsgenossenschaft unverzüglich anzuzeigen (Siebtes Sozialgesetzbuch § 202). Aber auch der Versicherte oder der Unternehmer kann im Verdachtsfall eine Anzeige erstatten und damit ein Feststellungsverfahren einleiten. Bei den nachfolgenden berufsgenossenschaftlichen Ermittlungen und Erhebungen sind der Unternehmer und der Versicherte zur Mithilfe verpflichtet.

In der Berufskrankheiten-Verordnung (BKV) vom September 2002 sind folgende Krankheiten aufgeführt:

Nr. 4103
Asbeststaublungenerkrankung (Asbestose) oder durch Asbeststaub verursachte Erkrankung der Pleura

Die Asbestose ist eine fibrogene Erkrankung der Lunge und/oder der Pleura, die durch Einatmung von Asbestfasern verursacht wird.

Der Grad ihrer "Schwere" hängt von individueller Reaktionsbereitschaft sowie von der aufgenommenen Asbestfeinstaubmenge ab. Das Krankheitsbild kann in der Regel frühestens etwa 10 Jahre nach Beginn der Exposition auftreten. Häufig treten die Krankheitsbilder erst später auf und erreichen aufgrund der früher eingeatmeten hohen Staubkonzentration einen bemerkenswerten Grad.

Der Grad der Asbestose ergibt sich nicht allein aus dem Röntgenbild, sondern auch aus Funktionsstörungen der Lunge. In fortgeschrittenen Fällen kommt es zu erheblichen Atembeschwerden, insbesondere bei körperlicher Belastung.

Nr. 4104
Lungenkrebs oder Kehlkopfkrebs

  • in Verbindung mit Asbeststaublungenerkrankung (Asbestose),
  • in Verbindung mit durch Asbeststaub verursachter Erkrankung der Pleura oder
  • bei Nachweis der Einwirkung einer kumulativen Asbestfaserstaub-Dosis am Arbeitsplatz von mindestens 25 Faserjahren (25 x 106 (Fasern/m3) x Jahre).

Die Faserjahrberechnung erfolgt anhand der durchschnittlichen Asbestfaserkonzentration pro Kubikmeter Atemluft am Arbeitsplatz (F/m3), multipliziert mit der Expositionsdauer in Jahren (F/m3 x 106 x Jahre). Der BK-Report "Faserjahre" des Hauptverbandes der gewerblichen Berufsgenossenschaften gibt Bearbeitungshinweise und Expositionswerte verschiedener Tätigkeiten für die Faserjahrberechnung an.
Die Latenzzeit (Zeitraum vom Beginn der Einwirkung bis zur Erkrankung) für die Erkrankung an einem Lungenkrebs nach Asbestfaserstaubexposition am Arbeitsplatz bis zum Zeitpunkt der Diagnose liegt im Mittel bei 25 Jahren.

Nr. 4105
Durch Asbest verursachtes Mesotheliom des Rippenfells, des Bauchfells oder des Perikards (Herzbeutels)

Das bösartige Mesotheliom zumeist des Rippenfells war in den achtziger Jahren noch eine eher seltene Krebsform, steigt seit dem aber stetig an. Diese Erkrankung kann bereits bei zeitlich eng begrenzter Exposition oder geringer Konzentration auftreten. Die mittlere Latenzzeit liegt bei ca. 30 Jahren, minimal kaum unter 20 Jahren, maximal bis über 60 Jahre, was die Beurteilung einer Asbestexposition für die zurückliegenden Jahre sehr erschwert.

3.2 Asbestverbrauch und BK–Entwicklung

In den folgenden Grafiken sind der Asbestverbrauch und das BK-Geschehen dargestellt. Deutlich wird dabei die hohe Steigerung der Asbesteinfuhr von 1950 bis 1970, das fast gleichmäßig hohe Niveau in den Jahren 1970 bis 1980 und ab 1980 die beginnende Senkung, ausgelöst durch die ersten Verwendungsbeschränkungen.

1993 betrug der Verbrauch nur noch etwa 700 Tonnen. Er wurde durch die Chemikalienverbots-Verordnung weiter drastisch eingeschränkt. Heute ist die Verwendung (abgesehen von unbedeutenden Ausnahmen) verboten.

Der Kurvenverlauf der Berufskrankheiten macht einen Zeitversprung von etwa 20 Jahren deutlich. Entsprechend der durchschnittlichen Latenzzeit wird noch bis zum Jahre 2010 mit hohen Erkrankungszahlen gerechnet.

Die weitere Tendenz ist noch nicht absehbar. Prognosen gehen jedoch dahin, dass ab 2010 die Zahlen rückläufig sein werden.
Im Jahre 1999 gab es erstmals mit mehr als 1000 Asbesttoten mehr Todesfälle durch Asbest als durch Arbeitsunfälle.

Asbestbedingte Erkrankungen kündigen sich leider erst sehr spät an. Es gibt – wie z. T. auch bei anderen Gefahrstoffen – keine rechtzeitigen körperlichen Warnhinweise, die ggf. auch schwer- oder unbelehrbare Personen zu einem vorsichtigeren Umgang ermahnen würden. Die Aussage der BK-Statistik ist eindeutig: Eingeatmeter Asbeststaub wirkt langsam und stetig, in vielen Fällen tödlich.

Asbestverbrauch und BK–Entwicklung

 

Webcode: M169-5


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